Auf dieser Seite findest du einen kleinen Einblick in meine Geschichte. Einen bewussten, oberflächlichen Einblick – denn die ganze Wahrheit mit all ihren Fakten und Details ist nicht für jeden bestimmt. Und das ist auch in Ordnung.
Ich erzähle meine Geschichte nicht, weil sie außergewöhnlich ist, sondern weil sie vielen vertraut vorkommen wird. Vielleicht steckst du gerade selbst in einem dieser Kapitel fest, die ich durchlebt habe. Vielleicht kämpfst du mit Dingen, über die man nicht spricht – aus welchem Grund auch immer. Vielleicht hast du sogar begonnen zu glauben, dass du falsch bist, schwach oder allein.
Wenn du dich irgendwo in meinen Worten wiederfindest, wenn du beim Lesen genickt hast oder dir eine Träne gekommen ist, weil Wahrheit manchmal weh tut, dann soll diese Seite eines für dich sein:
Ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Ein Anker.
Kein Urteil.
Was folgt, ist kein gerader Weg und keine Heldengeschichte.
Es sind Fragmente, Erinnerungen und Erkenntnisse, die sich erst im Rückblick zu etwas Ganzen fügen. Nicht chronologisch. Nicht geschönt. Aber ehrlich. Und meiner.
Es gibt Formen von Nähe, in denen man langsam leiser wird. Manchmal sogar kleiner. Nicht, weil man nichts zu sagen hätte oder keine eigene Meinung hat, sondern weil jedes Wort bewertet, verdreht oder gegen einen verwendet wird.
So eine Nähe hat mich lange begleitet. In verschiedenen Personen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in ganz verschiedenen Ausprägungen. Und doch hatten sie eines gemeinsam:
In solchen Umfeldern lernt man früh, sich anzupassen.
Zu funktionieren. Nicht aufzufallen. Und vor allem lernt man, sich selbst zu hinterfragen, bevor man andere, ihre Handlungen, Aussagen oder Manipulationen hinterfragt.
Narzisstische Strukturen sind selten laut.
Sie fallen kaum auf, solange man sie nicht durchschaut.
Sie wirken subtil. Durch ständige Kritik. Durch Schuldumkehr. Durch dieses dauerhafte Gefühl, nie genug zu sein, egal wie sehr man sich bemüht.
Mit der Zeit beginnt man zu glauben, dass etwas mit einem selbst nicht stimmt. Dass man vielleicht zu empfindlich ist. Dass man sich Dinge einbildet. Dass man zu sensibel oder zu schwierig ist.
Vor allem aber lernt man zu glauben, dass diese Art von Nähe und sogar von Liebe normal sei. Dass man ständig auf Eierschalen laufen müsse. Und währenddessen stellt man sich selbst Tag für Tag ein Stück mehr infrage.
Was dabei oft verloren geht, ist das Vertrauen in sich selbst. Und genau das tut am meisten weh. Nicht die Nähe an sich, denn die war es nie. Sondern das, was sie aus einem macht.
Über mehr als 8.000 Nächte hinweg war das Einschlafen mit Angst und Hoffnung verbunden. Mit deutlich mehr Angst als Hoffnung. Denn meine Nächte begannen lange, bevor ich ins Bett ging. Mit Anspannung. Mit Kontrolle. Mit einer Krankheit, von der ich nichts wusste.
Bettnässen ist eines der Themen, über die kaum jemand spricht. Nicht, weil es selten wäre – sondern weil die Scham so groß ist. Eine Scham, die nicht nur Kinder trifft, sondern scheinbar auch Eltern. So lernt man früh, dass darüber zu reden peinlich ist. Dass man allein damit ist. Und dass man sich aus Angst oft keine Hilfe sucht.
Für mich waren Nächte lange, sehr lange, kein Ort der Ruhe. Einschlafen bedeutete Kontrollverlust. Aufwachen bedeutete Angst. Und der Morgen begann oft mit einem Gefühl, das man niemandem erklären möchte. Selbst heute noch, nach so langer Zeit.
Was bleibt, ist Einsamkeit.
Nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Man trägt etwas mit sich herum, das niemand sieht. Das auch niemand sehen darf. Dieses Verstecken macht müde. Es isoliert. Und es macht einen langsam kaputt.
Am schwersten war nicht das Bettnässen selbst. Am schwersten waren das Schweigen und der Vorwurf, es mit Absicht zu tun. Es war das Gefühl, falsch zu sein und gleichzeitig hilflos. Und die ständige Angst, dass es jemand herausfinden könnte.
Heute weiß ich:
Es war kein Versagen.
Es war kein Makel.
Es war ein Symptom.
Und auch wenn man sich in solchen Nächten unendlich allein fühlt: Man ist es nicht. Ich verstehe dich dafür zu gut.
Wenn es zu viel Druck im Leben gibt, braucht es ein Ventil. Das ist normal. Das ist menschlich. Eigentlich sogar ganz natürlich. Jeder findet im Laufe seines Lebens eigene Wege, mit Druck umzugehen. Manche sind harmlos. Manche schaden nur einem selbst. Andere leider auch anderen Menschen.
Mein innerer Druck suchte sich ein Ventil namens Trichotillomanie.
Für viele Menschen ist es schwer zu begreifen, warum jemand sich selbst Haare ausreißt. Für Betroffene hingegen ist es oft schwer zu erklären, dass es kein bewusster Entschluss ist.
Es ist… irgendwie leichter – und gleichzeitig mit so viel Scham verbunden. Kein Tick. Keine Marotte. Es ist ein Ventil.
Wenn der innere Druck zu groß wird, wenn Gefühle keinen Platz finden und Gedanken kreisen, sucht sich der Körper einen Weg. Nicht, weil man sich verletzen möchte, sondern weil man versucht, etwas auszuhalten.
Wenn es so weit ist, geschieht es fast automatisch.
Anspannung. Kurze Erleichterung. Scham.
Ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist. Verbunden mit Erklärungen, die man niemandem geben möchte. Und mit dem Gefühl, merkwürdig, seltsam und allein zu sein.
Dabei wird oft vergessen:
Der Körper macht nichts falsch. Er versucht, einen Moment zu überleben, wenn Worte fehlen und Nähe nicht sicher ist.
Erst viel später habe ich verstanden, dass es nie darum ging, etwas zu stoppen oder zu verhindern. Es ging darum, zu verstehen, warum es überhaupt nötig war.
Vielleicht ist das bei vielen Dingen im Leben der erste Schritt: Nicht sich selbst zu bekämpfen, sondern sich ernst zu nehmen. Für sich einzustehen. Und sich selbst nicht die Liebe zu verweigern – egal, wie dunkel die Tage sind.
Wenn man es nicht selbst erlebt hat, weiß man selten, wie es sich anfühlt. Es kommt nicht plötzlich. Es gibt keinen Knall, kein klares „Jetzt ist es da“. Es beginnt leise und schleichend.
Man ist oft müde.
Nicht nur körperlich, sondern innerlich. Man fühlt sich leer, ohne wirkliche Energie. Dinge, die früher leicht waren, werden schwer und anstrengend. Freude wird flacher. Gedanken lauter. Schweigen wird Alltag.
Man funktioniert noch.
Nach außen hin sogar ganz gut. Ein Lächeln. Ein „Mir geht’s gut“. Man erledigt, was erledigt werden muss. Doch innerlich wird es enger. Leerer. Stiller. Und gleichzeitig immer lauter.
Hoffnungslosigkeit breitet sich langsam aus.
Burnout und Depression fühlen sich nicht immer wie Zusammenbrüche an. Oft fühlen sie sich an, als würde man langsam verschwinden. Man ist da, aber nicht wirklich anwesend. Man lebt, ohne wirklich am Leben teilzunehmen.
Für Außenstehende ist das schwer zu erkennen, geschweige denn zu begreifen. Unverständnis folgt. Sätze wie „Reiß dich zusammen“ oder „Ist es wirklich so schlimm?“ treffen dort, wo ohnehin schon alles wund ist. Zweifel entstehen. An den eigenen Gefühlen. An der eigenen Wahrnehmung. Vor allem an sich selbst und am Sinn.
Irgendwann stellt man sich Fragen, die man sich eigentlich nicht stellen möchte:
Warum ich?
Was hat das alles noch für einen Sinn?
Und wie schaffe ich es, morgen noch hier zu sein?
Für mich war das der Punkt, an dem ich mir professionelle Hilfe gesucht habe. In kleinen Schritten. Mit Geduld. Und mit etwas, das ich lange verlernt hatte: Fürsorge für mich selbst.
Ich erkannte, dass es kein persönliches Scheitern war. Körper und Geist hatten zu viel getragen. Dinge, die nicht meine waren. Und wenn es sich in solchen Phasen anfühlt, als würde gar nichts mehr gehen, dann darf man langsamer werden. Man darf seinen eigenen Weg gehen. In seinem Tempo.
Essen sollte etwas sein, das schmeckt. Etwas, das nährt. Etwas, das verbindet. Für mich war es das lange nicht.
Essen war mit Qual verbunden. Mit Blicken. Mit Kommentaren. Mit Erwartungen. Mit Vergleichen. Mit Druck. Und mit diesem tief sitzenden Gefühl, es nie richtig zu machen.
Statt Genuss gab es Kontrolle.
Statt Vertrauen Unsicherheit.
Statt Verbundenheit Einsamkeit.
Ich lernte früh, dass Essen bewertet wird. Und irgendwann begann ich, mich selbst darüber zu bewerten. Man isst zu wenig. Man isst falsch. Man ist falsch.
Abwertende Worte wie „Biafra-Kind“ oder „das Leiden Christi“ trafen dort, wo es längst keine Gegenwehr mehr gab. Sie blieben. Und sie wirkten. Lange.
Essen wurde kein Ort der Ruhe und keine Energiequelle, sondern ein weiterer Bereich, in dem man funktionieren musste. Ein weiteres Feld, auf dem ich versuchte, Erwartungen zu erfüllen oder ihnen auszuweichen.
Lange dachte ich, ich müsste mich nur mehr anstrengen. Mehr essen. Anders essen. „Normaler“ sein.
Heute weiß ich:
Ich konnte diese Erwartungen nie erfüllen. Weil ich nicht das Problem war. Es ging nie um das Essen. Es ging um Kontrolle. Um Manipulation. Und um Strukturen, die einem Kind keine Sicherheit geben konnten.
Heute darf Essen für mich wieder das sein, was es eigentlich sein sollte. Genuss. Bewusste, wertschätzende Mahlzeiten für Körper und Geist. Ohne Bewertung. Ohne richtig oder falsch.
Nicht perfekt. Aber ehrlich. Und endlich nährend.
Es gibt Momente, in denen sich alles zuspitzt. Nicht laut. Für andere scheinbar nicht dramatisch. So still – und für Betroffene gleichzeitig so unendlich laut.
Momente, in denen der Gedanke auftaucht, dass es vielleicht leichter wäre, nicht mehr da zu sein. Nicht, weil man sterben will. Sondern weil man so nicht mehr weiterkann. Oder nicht mehr weiterwill. Weil alles zu viel ist: die Last, das Jetzt, die Angst vor der Zukunft.
Auch ich stand einmal an so einem Punkt. An einem Ort, an dem der nächste Schritt alles hätte beenden können. Nicht aus Mut. Nicht aus Klarheit. Nicht aus Angst. Sondern aus völliger Erschöpfung.
Solche Gedanken werden oft falsch interpretiert. Als Egoismus. Als Feigheit. Als Niederlage.
Dabei sind sie kein Wunsch nach dem Ende.
Sie sind ein Schrei nach Ruhe. Nach dem Aufhören von Leid und Schmerz. Nach einem Ausweg, der gerade nicht sichtbar ist. Nach einem Anker, der bleibt.
Was mich damals, mit 17 Jahren, aufgehalten hat, war kein großer Gedanke. Keine Weisheit. Kein Aha-Moment.
Es war etwas ganz Kleines, als ich in Tränen an den Gleisen stand: der Wunsch, es jenen nicht leicht zu machen, die mich klein gehalten hatten. Es ihnen nicht so einfach zu machen. Und vielleicht auch die leise Hoffnung, dass in diesem Leben noch etwas auf mich warten könnte, das ich damals noch nicht sehen konnte.
Dieser Moment war kein Abschluss. Er war ein Neuanfang. Ein sehr langsamer.
Heute weiß ich, dass es Zeit und Geduld braucht, für sich selbst einzustehen. Menschen im eigenen Leben zu erkennen, die nicht mit einem, sondern gegen einen arbeiten.
Aber ich weiß auch:
Dieser eine Moment definiert nicht dein ganzes Leben. Er sagt nichts darüber aus, wer du bist oder was noch möglich ist.
Manchmal ist Weiterleben kein großer Plan. Manchmal ist es nur der nächste kleine Schritt. Ein Atemzug. Ein Gespräch. Ein Gedanke, der sagt: Vielleicht noch nicht heute.
Und manchmal reicht genau das, um dem Leben noch eine Chance zu geben. Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil du es wert bist, dass es besser werden darf.
Wenn du dich hier wiederfindest: Du musst da nicht alleine durch.
Und auch wenn du es gerade nicht siehst – es gibt Wege.
Wenn sich Gedanken gerade zu schwer anfühlen oder dich nicht mehr loslassen, hol dir bitte Unterstützung.
Ein Gespräch kann ein erster, ganz kleiner Schritt sein.
Du bist nicht schwach, wenn du Hilfe brauchst. Du bist menschlich.
Als ich vor langer Zeit mit einer Psychologin über mein Dasein sprach, stellte sie mir eine direkte Frage: Warum sind Sie noch hier? Was hat Ihnen diese Kraft gegeben?
Ehrlich gesagt: Manchmal weiß ich es selbst nicht sofort und finde kaum Worte dafür.
Ich hatte lange keinen sicheren Anker in meinem Leben, der gesagt hätte: „Du bist gut, so wie du bist.“ Das ist traurig, aber es ist die Wahrheit. Was mir letztlich geholfen hat, war kein einzelner Mensch. Keine Vertrauensperson. Kein Satz. Keine Methode. Kein Buch und kein Vortrag. Es war ein langsames Sammeln von Dingen, die mir Kraft gegeben haben:
Abstand – von Menschen, die mich klein gemacht haben.
Erwartungen – die plötzlich meine waren und nicht mehr fremde.
Träume – die mir wieder Zuversicht gegeben haben.
Verständnis – das ich mir selbst erlaubt habe, statt es ständig von außen zu erwarten.
Und die Erkenntnis, dass Menschen, die andere klein halten, runterdrücken, beleidigen oder lächerlich machen, selten glückliche Menschen sind. Oft sind sie verbittert, unzufrieden und ohne den Mut, sich selbst ehrlich zu begegnen oder etwas zu verändern.
In all den Jahren mit Bettnässen, Trichotillomanie, Depression und Burnout habe ich verstanden, dass vieles von dem, was ich getragen habe, nie meines war. Ich war nicht kaputt. Ich war überfordert.
Als ich das erkannt habe, konnte ich beginnen, mir eigene Anker zu schaffen. Dinge langsam zu verändern. Nicht von jetzt auf gleich. Nicht von heute auf morgen. Aber vielleicht von diesem Jahr ins nächste.
Was mir dabei geholfen hat – und bis heute hilft – ist Musik. Sie war ein Raum für mich. Ein Ort, an dem ich fühlen durfte, ohne etwas erklären zu müssen. An dem ich sein durfte, ohne bewertet zu werden.
Was mir ebenfalls geholfen hat, war Zeit. Zeit ist kostbar. Wenn man jung ist, wirkt sie endlos. Je älter man wird, desto schneller scheint sie zu vergehen. Und trotzdem müssen wir uns selbst Zeit geben. Zum Nachdenken. Zum Reflektieren. Zum Wachsen. Und manchmal auch zum Handeln.
Und vielleicht am wichtigsten: Ich habe aufgehört, darauf zu warten, dass jemand kommt und mich rettet. Nicht, weil ich es nicht gebraucht hätte. Sondern weil ich verstanden habe, dass die größte Rettung oft von einem selbst ausgeht.
Kein Mensch ist auf dieser Welt, um andere zu retten. Aber wir können uns selbst retten. Und einander ein kleines Stück Halt geben. Nicht perfekt. Nicht immer. Aber genug, um weiterzugehen.
Es gab keinen Moment, in dem alles gut war. Aber viele, in denen es ein kleines bisschen weniger wehgetan hat.
Und manchmal reicht genau das.
Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Dinge fügen sich. Nicht immer sofort. Und selten so, wie man es erwartet. Aber sie passieren nicht grundlos. An Herausforderungen kann man wachsen. Oder man zerbricht daran. Oder sie wiederholen sich, bis man bereit ist, etwas aus ihnen zu lernen.
Wir können nicht immer entscheiden, was uns im Leben passiert. Aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren.
Und eines weiß ich heute sicher: Wenn man es schafft, dranzubleiben – auf seine Art, in seinem Tempo – dann wird es besser. Vielleicht nicht perfekt. Aber echter.
Und irgendwann findet man Momente und Menschen im eigenen Leben, die man sich früher nicht einmal hätte vorstellen können.
Ich habe meine Geschichte nicht erzählt, um Antworten zu liefern. Sondern um zu zeigen, dass Wege entstehen können, auch wenn man sie lange nicht sieht. Wenn du dich in Teilen wiedergefunden hast, dann nimm das mit, was dir guttut. Und lass den Rest hier.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt. Sondern mit dem Moment, in dem man sich selbst nicht mehr verlässt. Du musst nicht wissen, wie es weitergeht. Es reicht, dass du noch da bist.